Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
11. November 2024, Köln
Auftakt der Karnevalssession in Köln. Wir stehen in der Kneipenschlange, als uns drei junge Männer, so um die Mitte 20, ansprechen. Einer von ihnen fragt im breitesten schwäbisch, falls wir ein Möbelstück sein könnten, was wir dann gerne wären.
Eine merkwürdige Frage, die ohne ein paar Kölsch intus gar nicht so leicht zu beantworten ist. Wir einigen uns schließlich auf Sessel, weil der bequem sei, mein Einwand, dann säße aber immer jemand auf unserem Schoß, wird übergangen.
Ein anderer der drei, der uns die ganze Zeit in einer Mischung aus Ungeduld und Vorfreude angeschaut hat, sagt schließlich: „Also ich wäre gerne eine Deckenlampe. Dann bin ich immer der Hellste und muss nur abhängen.“
Betretenes Schweigen bei uns. Die Knaben haben also diese Möbelstückfrage einzig und allein gestellt, damit der Typ diesen Ein-Euro-Witz machen kann. Jetzt erzählt er, dass er das kürzlich bei Spotify gehört und sich das sofort aufgeschrieben hätte, weil er das so gut fand. Heute Morgen hätte er den Witz seinen Kumpels erzählt und sie hätten sich eine halbe Stunde totgelacht.
Ich frage die Drei, ob ich ihnen einen Ratschlag geben dürfte. Sie nicken und schauen mich erwartungsfroh an. „Wenn ihr nicht kinderlos bleiben wollt, erzählt diesen Witz nie, aber wirklich niemals einer Frau. Und am besten sonst auch niemandem.“
Den Rest des Tages frage ich mich, was das eigentlich über uns aussagt, dass die drei Jungs dachten, wir sind die richtigen Adressaten für diesen Witz.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel “Nackte Kanone” geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Ich bin 49 Jahre alt, was bedeutet, dass ich schon 49-mal die Umstellung auf die Winterzeit mitgemacht habe. Trotzdem schaue ich seit 49 Jahren im November nahezu täglich gegen vier aus dem Fenster und denke: „Krass, wie früh es doch dunkel wird.“
Eigentlich ganz schön so ein Leben mit dem Erinnerungsvermögen einer Amöbe.
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Hole im DHL-Kiosk ein Paket für meine Frau ab. Halte meinen Ausweis und die Vollmacht bereit, die so alt, verblichen und abgeranzt ist, als hätte ich sie gerade auf der Straße gefunden und würde nun versuchen, mir unrechtmäßig ein Päckchen zu erschleichen.
Der junge DHL-Kioskmann kontrolliert beide Dokumente penibel und stutzt. „Du heißt Christian und deine Frau Christina?“, fragt er mich. „Wie lange hast du danach gesucht?“
Ich erkläre, wir seien schon seit 27 Jahren zusammen, was seine Frage nicht beantwortet, aber trotzdem ein Lächeln auf sein Gesicht zaubert. „Das ist süß“, sagt er, als er mir das Paket überreicht. So beseelt wie er schaut, scheint das für ihn der schönste Moment des Tages gewesen zu sein.
15. November 2024, Berlin
Nach Karneval und Lesebühne weiteres Kulturprogramm: Dominique Horwitz singt Brel. In der Bar jeder Vernunft. Wir lösen damit unseren gemeinsamen Weihnachtsgutschein vom letzten Jahr ein, den meine Frau für uns zusammen besorgt hatte. Womit sie formaljuristisch gesehen nicht gegen unseren „Wir schenken uns nichts“-Grundsatz verstoßen, ihn aber bis zum äußersten ausgereizt hat.
In einem prunkvollen Spiegelsaal neben gut situierten Menschen zu sitzen, die edle Weine trinken und gebeizten Kabeljau oder Simmentaler Tafelspitz essen, während französische Chansons dargeboten werden, fühlt sich unangenehm bildungsbürgerlich und elitär an. Andererseits bin ich Ende 40, habe das große Latinum und wir zählen mit unserem Einkommen zu den Besserverdienenden. Da ich nicht an kompletter Realitätsverweigerung leide, muss ich mir eingestehen, dass wir hier besser reinpassen in einen Underground-Techno-Club in Friedrichshain.
In der Pause liest eine ältere Dame an unserem Tisch etwas in ihrem Handy. „Ach, Jacques Brel war gar nicht Franzose, sondern Belgier“, sagt sie schließlich. In einem mich selbst überraschenden Anfall, mich im Small Talk zu versuchen, erwidere ich: „Ja, ich glaube Wallone.“
Was für eine unnütze Information, die kommunikativ nicht wirklich anschlussfähig ist. Denn ich habe keinerlei tiefergehendes Wissen über Belgien, so dass ich mich mit der Frau nicht über die Geschichte, Geographie oder Demographie des Landes unterhalten könnte. Ich weiß lediglich, dass es Wallonien und Flandern gibt und dass in der einen Region Französisch und in der anderen niederländisch gesprochen wird. Ich befürchte, das reicht nicht für eine abendfüllende Unterhaltung.
Obendrein muss ich später nach einer kurzen Google-Recherche auch noch feststellen, dass meine Aussage falsch war: Der Vater von Jacques Brel war französischsprachiger Flame.
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Als wir nach Hause kommen, hat der Sohn Besuch von drei Freunden. Sie machen eine gemeinsame – nennen wir sie – auf Rauchwaren basierende Pflanzen-Entspannungstherapie. Das erklärt auch, warum in der Küche sechs Tiefkühlpizzen, vier Ofen-Baguettes und eine 8er-Packung Mini-Pizzen auf den Verzehr warten.
16. November 2024, Berlin
Geburtstagsessen der Schwiegermutter und ihres Lebensgefährten im Fischer & Lustig. Leider kein Stand-up-Club für Witze erzählende Hochsee-Angler, sondern ein ganz normales Restaurant. Aber das Essen ist lecker.
17. November 2024, Berlin
Heute ist Tag des hausgemachten Brotes. Ich gehe davon aus, dass er in der Corona-Pandemie erfunden wurde. Genau wie der Wir-klatschen-auf-dem-Balkon-Tag, der Tag des Spazierengehens und der Welt-Jogginghosen-Tag.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel “Nackte Kanone” geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
21. Oktober 2024, Berlin
Neues Wand-Graffiti in der Waldenser Straße bei uns um die Ecke: „Ich ficke hässliche Frauen.“
Was will der Verfasser uns damit sagen? Möchte er seine früheren Sexualpartner innen beleidigen? Oder sich selbst, weil er nur hässliche Frauen abbekommt? Oder ist das ein Angebot? „Hey, wenn ihr euch hässlich fühlst, meldet euch. Ich bumse jede.“
Jemand hat den Spruch durchgestrichen und daneben geschrieben: „Selber hässlich.“ Möglicherweise eine Ex.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel “Nackte Kanone” geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Halloween. Kein einziges Kind klingelt bei uns, um uns zu trick-or-treaten. Was auch gut ist, weil ich vergessen habe, Süßigkeiten zu kaufen.
01. November 2024, Berlin
Die Tochter hat Geburtstag. 21. Der nächste Schritt zur vollständigen Volljährigkeit ist geschafft: Jetzt darf sie auch in den USA Alkohol trinken.
02. November 2024, Berlin
Vorm „La Döner Vita“, der Imbissbude mit dem besten Namen in ganz Berlin (wenn nicht gar Deutschlands), aber leider nur sehr mittelmäßigem Essen, spielen zwei Männer Kontrabass und Trompete.
Die Trinker und Alltagsphilosophen, die sich regelmäßig hier treffen, um Bier zu trinken und Lebensweisheiten auszutauschen, sind wenig begeistert. Für sie ist diese Eventisierung der lokalen Gastronomie wahrscheinlich ein Vorbote der nahenden Gentrifizierung in Moabit. Die wird hier seit langem immer wieder beschworen, will sich aber nicht so recht einstellen.
03. November-2024, Berlin
Wie so reiche Menschen essen wir abends Sushi. Öffne den Glückskeks, der unserer Bestellung beiliegt. „Ein lang ersehnter Durchbruch kündigt sich an.“ Klingt eigentlich ganz gut. Bis meine Frau sagt: „Hoffentlich kein Darmbruch.“ Wie unpassend. Für zynische Kommentare bin doch ich zuständig.
Auf ihrem Zettel steht: „Sie schwanken in Ihren Gefühlen hin und her. Nicht voreilig entscheiden.“ Woher weiß der Keks, dass sie gerade ihre Tage hat?
(Sollte Mario Barth Interesse an diesem 1-Euro-Gag haben, möge er sich bitte unter shittyjokes@familienbetrieb.info melden.)
04. November 2024, Berlin
Der XING-Newsletter in meiner Inbox, von dem ich immer noch nicht weiß, warum ich ihn bekomme, hat den Betreff: „Re: AW: FW: Re: Wenn dein Postfach überläuft, befolge diese Tipps, Christian!“
Überraschenderweise lautet keiner der Ratschläge: „Lösche den Newsletter und alle Benachrichtigungen von XING.“
05. November 2024, Berlin
Entnehme einer Überschrift auf Spiegel Online, dass Helene Fischer eine Kinderlieder-CD herausgebracht hat. (Passiert ja sonst nichts Wichtiges auf der Welt, da kannst du ruhig solche Artikel veröffentlichen. Und lesen.)
Die Platte trägt den semi-originellen Titel „Die schönsten Kinderlieder“ und enthält, ebenfalls semi-originell, Evergreens wie „Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann“, „Alle meine Entchen“ oder „Häschen in der Grube“.
Das alles lässt für mich rückblickend das musikalische Oeuvre von Rolf Zuckowski in wesentlich positiverem Licht erscheinen.
06. November 2024, Berlin
Aufwachen um kurz nach halb sechs, Wahlergebnis in den USA checken. Seriously?
Heute ist Umarme-einen-Bären-Tag. Aber nur wenn er will!
08. November 2024, Berlin
Meine Frau erzählt, die politische Lage schlage ihr aufs Gemüt. Alles fühle sich schwer an. Das Aufstehen, das Fertigmachen, das Arbeiten.
Sogar die Fahrt ins Büro sei heute Morgen anstrengender gewesen. Sie habe viel mehr in die Pedale treten müssen, trotzdem sei sie kaum vorangekommen. Gut, es stellte sich dann raus, dass das Schutzblech verbogen war, am Hinterrad entlangschabte und wie eine Bremse wirkte.
Donald Trump, Christian Lindner, Olaf Scholz und Friedrich Merz sind doch nicht an allem schuld.
09. November 2024, Berlin
Eine Bekannte erzählt, ihre sechsjährige Tochter habe nach dem Wahlsieg von Donald Trump gefragt, ob es im Supermarkt jetzt noch den leckeren Joghurt gäbe. Klingt erstmal kindlich naiv, wie sie ein weltveränderndes Ereignis wie die neue Präsidentschaft der derangierten Orange mit ihrer eigenen Lebenswelt verknüpft. Vielleicht ist sie aber einfach besser informiert als wir und weiß, was Donald Trump mit der globalen Joghurtproduktion im Schilde führt.
10. November 2024, Berlin/Köln
Fahrt nach Köln zum morgigen Karnevalsauftakt. Ich finde, nach dieser Woche habe ich eine Prise Eskapismus mehr als verdient.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel “Nackte Kanone” geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
14. Oktober 2024, Berlin
Für die Tochter startet ihr Studium in Kiel. Soziologie und Politikwissenschaft. Erstmal Einführungstag, bei dem sich die Institute der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät vorstellen. (Selbstverständlich haben die Wirtschaftswissenschaften darauf bestanden, trotz alphabetischer Nachrangigkeit in der Fakultätbezeichnung an erster Stelle geführt zu werden.)
Unter anderem erfährt die Tochter, dass an der Christian-Albrecht-Universität 27.000 Studierende studieren. Rund 10. 000 Menschen mehr als in Carlow leben, ihrer alten Uni-Stadt in Irland.
Die Universität bezeichnet sich selbst mit dem Kürzel CAU. Vermutlich soll das cool klingen und entscheidende Vorteile im globalen Wettbewerb um die klügsten Köpfe verschaffen. Ich habe dabei die unvorteilhafte Assoziation mit GAU, dem größten annehmbaren Unfall.
Schön ist die Startmeldung auf der CAU-Website. „Elefanten erinnern sich nach vielen Jahren an Tierpfleger.“ Klingt wie eine Meldung auf der Seite Vermischtes in der SZ, handelt aber von einer Studie am Zoologischen Institut, für die die Arbeitsgruppe „Zoologie und Funktionsmorphologie der Vertebraten“ verantwortlich ist. (Viel Glück den Arbeitsgruppen-Mitgliedern, wenn sie ihren Eltern erklären müssen, was sie genau machen.)
Das Video „Liebe. Für Euch.#LOVECAU“ stellt die Uni und die Stadt Kiel humorig vor. Am Ende des Clips klärt mich ein junger Mann auf – Studi oder Komparse? –, CAU werde nicht als Wort, sondern als Abkürzung ausgesprochen. Also, wie ARD, ICE oder THC und nicht wie eine fatale Katastrophe in einem Kernkraftwerk.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel “Nackte Kanone” geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Im Hinterhof ist alles wieder gut: Die riesige Monsterspinne ist zurück in ihrem Netz. Das einzige Problem: Da ihr Netz direkt neben den blauen Tonnen hängt, muss ich mir nun überlegen, wo wir unseren Papiermüll entsorgen.
Seit der Sohn die Spinne gesehen hat, öffnet er sein Fenster, das eine Etage über dem Büro liegt, nicht mehr. Damit sie nicht zu ihm reinkrabbelt. Ich schätze, so stickig wie es in seinem Zimmer ist, hat die Spinne daran kein Interesse.
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Um die innere Sicherheit müssen wir uns auch nicht mehr sorgen. Fahrradhelm und Handschuhe sind wieder aufgetaucht. Das Innenministerium kann den Krisenstab „Niemand klaut in unserem Haus“ wieder auflösen und sich voll und ganz dem Heimatschutz widmen.
19. Oktober 2024, Berlin
Besuch der Jugendstrafanstalt Berlin, der JSA, wie sie abgekürzt wird. Die hat heute Tag der offenen Tür. Also, nur für Besucher*innen, nicht für die Insassen. Der Vater eines Schulfreundes des Sohns arbeitet dort in der Tischlerei und hat uns eingeladen.
Ich war noch nie in einem Gefängnis und weiß nicht, was uns erwartet. Vor ein paar Jahren habe ich mal einen Bericht über Uli Hoeneß gesehen, damals als er wegen Steuerhinterziehung in den Knast musste. Das sah jetzt nicht so schlimm aus. Ich habe schon in kleineren Hotelzimmern übernachtet. Gut, die Zellen waren etwas spartanisch eingerichtet. Da sind die Zimmer in einem Kloster bei einem Schweige-Retreat aber auch. Da werden allerdings nicht abends die Türen von außen abgeschlossen. Vermute ich zumindest, denn ich war auch noch nie auf einem Schweige-Retreat im Kloster.
Abgesehen von der Uli-Hoeneß-Reportage ist mein Bild von Gefängnissen hauptsächlich durch Kabel1-Dokus über US-amerikanische Hardcore-Knäste sowie die Serie Prison Break geprägt. Ich hoffe, in der JSA herrschen bessere Bedingungen als in dem panamaischen Knast in Staffel 3.
Meine Frau und ich fahren morgens mit gemischten Gefühlen Richtung Jugendgefängnis. Einerseits ist es interessant, sich über die dortige Arbeit zu erkundigen, und das fördert ja auch Transparenz und Öffentlichkeit. Andererseits kommen wir uns wie sensationsgeile Voyeure vor, die wie im Zoo straffällige Jugendliche begaffen wollen. (Eine Sorge, die sich als unbegründet erweist, da es keinen Kontakt mit Inhaftierten gibt.)
Am Besuchereingang begrüße ich den Beamten hinter der Glasscheibe und erkläre ihm, wir seien für den Tag der offenen Tür angemeldet. Der Mann schaut mich befremdet an. Als sei ich etwas schlicht und hätte das Prinzip Gefängnis nicht verstanden, das selbstverständlich keine Offene-Türen-Tage vorsieht. Es stellt sich heraus, dass wir in der Erwachsenen-JVA gelandet sind und noch ein Stück weiter radeln müssen.
An der Fassade der JSA hängt ein Banner mit überraschender Botschaft. „30 Jahre Jugendstrafanstalt Berlin. Jugend hat Zukunft – wir feilen daran.“
Nachdem Einlass beginnt die Tour mit einem Einführungsvortrag der Vollzugsleiterin sowie der Leiterin des Servicebereiches. (Servicebereich wird nicht der einzige Begriff im Laufe des Tages sein, den ich nicht unbedingt mit einem Gefängnis assoziiert hätte.) Die JSA verfügt über rund 420 Plätze, die jedoch nicht alle belegt sind, die Insassen sind zwischen 14 und 27, im Schnitt circa 20. Ihre durchschnittliche Haftdauer liegt bei 20 Monaten, je nach Alter kann sie aber auch zehn oder fünfzehn Jahre betragen.
Die JSA verfolgt den Anspruch, jeder einzelne Tag soll für die Inhaftierten erzieherisch sinnvoll sein. Damit sie nach der Entlassung in die Lage versetzt sind, ein straf- und drogenfreies Leben zu führen. Ob die Arbeit von Erfolg gekrönt ist, ist eine klassische „Das Glas ist halb voll versus halb leer“-Einschätzung. Die Rückfallquote liegt bei 60 Prozent, was wiederum bedeutet, dass 40 Prozent nicht wieder im Gefängnis landen.
In der anschließenden Fragerunde erkundigt sich eine Besucherin, ob das Gefängnis für die Inhaftierten der Erst- oder Zweitwohnsitz sei und wer das Kindergeld bekäme, die Insassen, die Eltern oder die JSA. Sehr spezifische Fragen. Klingt ein wenig so, als träte ihr Sohn demnächst seine Haftstrafe an, und sie muss noch den Orga-Kram erledigen. (Zu den Antworten: Die Inhaftierten sind im Gefängnis gemeldet, das Kindergeld steht ihnen zu, nicht den Eltern und schon gar nicht der JSA.)
Bei dem Rundgang beeindruckt mich besonders ein Schließer, aus einem der Häuser, die hier Wohngruppen heißen. Er berichtet vom Alltag mit den Häftlingen und spricht respektvoll und empathisch über die „Jungs“. Ohne dabei den Eindruck zu erwecken, er wäre naiv und lasse sich auf der Nase herumtanzen. Ich wäre für diesen Job vollkommen ungeeignet. Ich hätte für alle Verständnis, würde allen alles glauben und mich andauernd verarschen lassen.
Auf der Heimfahrt denke ich darüber nach, wie ungleich und unfair Lebenschancen verteilt sind. Im Gegensatz zu der Bullerbü-Welt unserer Kinder sind die Jugendlichen und jungen Männer in der JSA in einem Umfeld aufgewachsen, das natürlich nicht den direkten Weg ins Gefängnis geebnet hat, aber sehr stark begünstigt hat, dass sie falsche Entscheidungen treffen und davon sehr viele.
Angesichts ihrer Taten und Verbrechen kann man dann auch etwas nachsichtiger mit den eigenen Kindern sein. So schlimm ist es vielleicht doch nicht, dass der Sohn nie ohne Aufforderung den Müll runterbringt.
20. Oktober 2024, Berlin
Auffallend viele der Buchbestellungen kommen aus kleineren Orten. Ein paar Bücher gehen nach Berlin, München oder Hamburg, aber der größere Teil in Kleinstädte oder Dörfer wie Lappersdorf, Ebersbach an der Fils, Kitzingen, Remseck am Neckar, Horb am Neckar oder Illertissen.
Alles Orte, die Schauplätze einer Provinz-Krimi-Reihe sein könnten:
„Der Schlächter von Schalkau. Kommissar Schorleber ermittelt wieder.“
„Das Schweigen der Kälber. Ein Nittendorf-Thriller.“
„Todesgrüße aus Gilchingen. Ein Fall für Marianne Maisinger.“
Aus Am Mellensee Ortsteil Kummersdorf Gut gibt es auch eine Bestellung. Am Mellensee hört sich für mich nicht gerade nach Großstadt-Metropole an, die zur Wahrung der Übersichtlichkeit mehrere Ortsteile benötigt.
Die österreichischen Ortsnamen klingen nach Bergen, grünen Wiesen und Kuhglockengebimmel. Eggelsberg, Tiefgraben, Feldlach oder Mondsee. Da erwartest du, dass jeden Moment Heidi, der Ziegen-Peter oder der Alm-Öhi um die Ecke kommen.
Keine Ahnung, warum sich das Buch in ländlichen Gegenden so großer Beliebtheit erfreut. Vielleicht sind die nächsten Kinos, Theater und Galerien zu weit entfernt und die Internet-Anbindung fürs Streaming zu schlecht. Da müssen sich die Menschen mit „Wenn ich groß bin, werde ich Gott“ begnügen.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel “Nackte Kanone” geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
07. Oktober 2024, Bonn/Berlin
Rückreise von Bonn nach Berlin. Im Zug telefoniert eine junge Frau. (Und mit jung meine ich Mitte 30, mit zunehmendem Alter verschiebt sich meine Definition von jung stetig nach oben.) „Sie sind schon der zweite Mann heute, der mir sagt, ich erinnere ihn an seine Mutter“, erklärt sie ihrem Gesprächspartner und lacht gequält.
Das ist bestimmt der Traum einer jeden Frau. Dass ein Mann zu ihr sagt: „Du bist wie meine Mama.“
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel “Nackte Kanone” geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Der Spiegel hat Thomas Gottschalk interviewt und startete mit der schönen Einstiegsfrage: „Herr Gottschalk, im Spiegel haben Sie vor einigen Jahren die Hoffnung geäußert, ein cooler Alter zu werden. Sind wir uns einig, dass es nicht geklappt hat?“ Das ist selbstverständlich etwas unverschämt, aber durchaus zutreffend.
Wenig überraschend ist Thomas Gottschalk da anderer Meinung. Aber in meinen Augen qualifiziert er sich mit seinem ständigen Hadern mit dem Zeitgeist beziehungsweise der Political Correctness sowie dem Klagen über die Jugend von heute nur schwerlich als „cooler Alter“.
Wobei Thomas Gottschalk darauf besteht, er beklage sich nicht, sondern stelle nur fest, und hadere auch nicht mit dem Zeitgeist, verstünde ihn aber nicht und fühle sich nicht mehr trittsicher.
Ich habe viel Verständnis dafür, dass Thomas Gottschalk Schwierigkeiten mit dem Altern hat und dass es nicht einfach ist, wenn du jahrzehntelang im Rampenlicht standest und dann weniger gefragt bist. (Ein Problem, das wahrscheinlich hauptsächlich Männer haben.) Seine Kritik am Zeitgeist und an der Jugend wirkt auf mich dann aber doch reichlich unreflektiert und denkfaul.
Wahrscheinlich will Thomas Gottschalk in erster Linie, dass alles so bleibt, wie es mal war, weil das am einfachsten ist. Für ihn. Das beklage ich aber nicht, sondern stelle es nur fest.
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Die Tochter hat Probleme mit der Heizung. Sie geht nicht mehr aus. Obwohl das Thermostat auf null steht, läuft sie auf Hochtouren. Im Wohnzimmer herrschen klimatische Bedingungen wie im Amazonas-Regenwald.
Das erzeugt weder behagliche Wohnatmosphäre noch ist das gut fürs Klima. Schlecht für den Geldbeutel ist es obendrein, was dich als Studentin noch härter trifft als CO2-Ausstoß, Erderwärmung und Artensterben. Zumindest kurzfristig.
C. meint zwar, er könne das Problem beheben, aber die Tochter denkt, den Heizkörper abzumontieren ist keine gute Lösung. Stattdessen muss sie den Hausmeister kontaktieren, der bei Vonovia Facility Manager heißt, damit er sich darum kümmert.
Die Tochter klagt am Telefon, nicht mit der Grundschule beginne der Ernst des Lebens, sondern wenn du andauernd mit der Hausverwaltung telefonieren musst. Wegen Internetanschlüssen, Elektrikerterminen, Handwerksarbeiten, irgendwelchem bürokratischen Kram sowie nicht funktionierenden Heizungen.
Meine Frau erinnert sich daraufhin an ein Kinderbuch, das sie gelesen hat, bevor die Tochter in die Schule kam. Darin hat ein Mädchen Angst vor ihrer Einschulung, weil die Erwachsenen die ganze Zeit vom Ernst des Lebens sprechen, der nun anfange. Am ersten Schultag sitzt dann ein Junge neben ihr, der Ernst heißt und nett ist, so dass die Kleine findet, der Ernst des Lebens ist eigentlich doch gar nicht so schlimm.
Ich habe keine Ahnung, was die Moral von dieser Geschichte sein soll. Aber wer zur Hölle nennt sein Kind heutzutage noch Ernst? (Vielleicht die Eltern des Hausmeisters, der für die Reparatur der Heizung sorgen muss.)
12. Oktober 2024, Berlin
Der Sohn hat heute das erste Mal seit einem Jahr wieder ein Judoturnier. Berliner Mannschaftsmeisterschaft bei den Erwachsenen. Für ihn bedeutet das, dass er gegen 80-Kilo-Männer kämpfen muss, für uns, dass wir nach Kladow fahren müssen, wo ich mich jedes Mal frage, ob das noch zu Berlin gehört und ob ich einen Fahrschein für die Zone C kaufen muss. (Die Antworten lauten: Ja und Nein.).
Ich weiß nicht, wer von uns das schlechtere Los gezogen hat. Wahrscheinlich der Sohn. Er muss nach Kladow fahren und gegen 80-Kilo-Männer kämpfen. Er muss dann nur einmal auf die Matte und verliert. Aber Hauptsache gesund.
13. Oktober 2024, Berlin
Heute ist internationaler Tag der Skeptiker. Ich glaube nicht, dass der was bringt.
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Im Hinterhof bei den Papiermülltonnen hat eine monströs große Spinne ein Netz vor dem Fenster des Betreuungsbüros im Erdgeschoss gesponnen. So monströs groß, dass ich mich frage, ob es ökologisch sehr verwerflich ist, unser Altpapier im Restmüll zu entsorgen.
Die Spinne sitzt dort schon seit circa zwei Wochen. Ich bin mir unsicher, ob ich das gut oder schlecht finden soll. So lange sie da unten hockt, hält sie sich nicht bei uns in der Wohnung auf. Das erachte ich als ganz dicken Pluspunkt. Je länger sie aber in dem Netz an dem Fenster wohnt, umso heimischer fühlt sie sich möglicherweise. Dann lädt sie ihre Besties ein, bis irgendwann so viele Spinnen mit ihr abhängen, dass sie den kompletten Hof übernehmen.
Vielleicht sollte ich sicherheitshalber schon mal unsere Fahrräder vor dem Haus abschließen. Unseren Müll kann ich dann auf die Tonnen an den Straßenlaternen in der Straße verteilen.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel “Nackte Kanone” geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
30. September 2024, Berlin
Kaum habe ich den McPaper an der Turmstraße betreten, flötet mich die Verkäuferin schon an: „Einen wunderschönen guten Tag, kann ich Ihnen helfen?“ Sie strahlt übers ganze Gesicht, als sei sie Teilnehmerin beim Wettbewerb „Die fröhlichste Person der Welt“.
Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viel gute Laune verströmt habe. Wahrscheinlich noch nie. Mich überfordert das. Wie soll ich mit so viel Frohsinn umgehen? Ich will doch nur Paketband kaufen.
Bei McPaper sind die Verkäuferinnen immer überaus zuvorkommend und so amerikanisch gut gelaunt. Deswegen vermeide ich, dort einzukaufen. Wahrscheinlich ist das Company Policy. Dass du so gut drauf sein musst, als hättest du eine XXL-Packung Aufheller gefuttert. (Vielleicht ist das auch Teil der Company Policy. Als Start in den Tag werden gemeinsam ein paar Serotonin-Booster eingeworfen.)
Nachdem ich bezahlt habe, zwitschert die Frau: „Einen wunderschönen Nachmittag noch und viel Spaß mit dem Paketband.“ Wie soll man Spaß mit Paketband haben? Ich will einfach ein paar Päckchen zukleben. Gehe danach zu Penny. Da sind die Kassierer*innen zum Glück angenehm muffelig, wie sich das für Berlin gehört.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel “Nackte Kanone” geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Der Sohn findet im Anmeldeportal der TU Berlin eine schlechte Nachricht. Sein Immatrikulationsantrag wurde abgelehnt. Anscheinend hatte er ein falsches Formular ausgefüllt. Bis zum 4. Oktober, sprich morgen, hat er Zeit, das richtige hochzuladen. (Er hat keine Ahnung, wie lange die Nachricht schon dort steht. Er hatte die ganze Zeit – vergebens – auf eine Mail gewartet und hielt es nicht für nötig, mal in dem Portal nach dem Stand der Dinge zu schauen.)
Nun würde ich gerne mit ihm schimpfen und ihn eindrücklich ermahnen, sorgfältiger und nicht so schusselig zu sein. Allerdings säße ich da in einem Glashaus mit sehr dünnen Wänden und würde mit extrem großen Steinen um mich werfen.
Nach meinem Zivildienst wollte ich zum Sommersemester ein Pädagogikstudium in Münster beginnen. Allerdings überlas ich eine Anmeldefrist, so dass ich erst zum Wintersemester hätte anfangen können. (Zum Entsetzen meiner Mutter, die wahrscheinlich dachte, ich würde wieder bei ihnen einziehen und ein halbes Jahr bei ihnen abhängen.)
Mein Bruder schlug pragmatisch vor, ich solle mich einfach in Marburg, wo er studierte, für irgendetwas ähnliches einschreiben, was man zum Sommersemester anfangen kann, dann nach einem Semester nach Münster wechseln und mir dort meine Scheine anerkennen lassen.
So begann ich 1996 an der Philips-Universität zu Marburg ein Soziologie-Studium und lernte dort meine Frau kennen. Ohne meine Schusseligkeit bei der Immatrikulation in Münster wäre das nie passiert, folglich gäbe es den Sohn nicht und er hätte seine eigene Einschreibung nicht verbaseln können. Somit sind meine und seine Schlurigkeit eng miteinander verwoben.
Aus pädagogischen Gründen sage ich ihm das aber nicht, sondern ermahne ihn, er müsse sorgfältiger und nicht so schusselig sein. Mir doch egal, dass ich ihm Glashaus sitze.
04. Oktober 2024, Berlin
Meine Haare müssen ebenfalls mal wieder geschnitten werden. Das möchte ich aber nicht meiner Frau zumuten – meiner Mutter ebenfalls nicht – und gehe zu N. in den Friseursalon bei uns in der Parallelstraße.
Neben mir schneidet ein junger Mann einer Frau die Haare. Ich vermute, er ist Azubi. Einerseits aufgrund seines jugendlichen Alters, andererseits weil er sich noch nicht so wahnsinnig geschickt mit Schere und Kamm anstellt. (Unwesentlich geschickter als ich mit Langhaarschneider und Kamm.)
Seine Bewegungen sind sehr angestrengt und nicht besonders flüssig. Die Kundin schaut etwas gequält. Wahrscheinlich denkt sie gerade, sie hätte bei der Online-Terminvergabe besser nicht „nächster freier Mitarbeiter“ angeklickt.
Ich habe bewusst N. als Friseur ausgewählt. Er schneidet immer sehr penibel und akkurat und ist erst zufrieden, wenn beim Ansatz auch jedes noch so kleine Härchen getrimmt ist. Das ist zwar zeitaufwändig, aber dafür ist das Ergebnis sehr gut.
Zum Abschluss föhnt N. meine Haare heute mit sehr viel Hingabe und Ausdauer. Danach sehe ich auf dem Kopf aus wie ein fluffiger Biber aus, was niedlicher klingt, als es aussieht.
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Bekomme auf Insta eine Werbung vom NABU eingespielt: „Schütze die Kreaturen der Nacht! Jetzt Fledermaus-Pat*in werden!“
Um 8.30 Uhr geht unser Zug nach Bonn. Oder auch nicht. Fünf Minuten bevor wir zum Bahnhof aufbrechen wollen, meldet sich die Bahn-App. Der Zug fällt aus. Wegen Baustelle oder so. Zum Glück finde ich eine Alternative, knapp anderthalb Stunden später, bei der wir sogar weniger umsteigen müssen. Keine Ahnung, warum ich die ursprünglich nicht ausgewählt habe.
Im Zug. Zur Vorbereitung des Marathons am Sonntag habe ich diese Woche mein tägliches Trinkvolumen deutlich erhöht. Da die Größe meiner Blase aber gleichgeblieben ist, muss ich sehr oft aufs Klo gehen. Somit verbringe ich gefühlt die Hälfte der Fahrt auf der Bordtoilette. Dem Ort, an dem du dich im Zug am wenigsten aufhalten willst. (Außer in einem Großraumabteil, in dem die Hälfte der Plätze vom Kegelverein „Alle Neune“ belegt sind.) Außerdem hätte ich mir da die Platzreservierung sparen können.
Als Reiseproviant haben wir geschnittenes Obst dabei. Wenn ich im Zug Apfelschnitze esse, komme ich mir immer vor wie ein pensionierter Oberstudienrat für Geschichte und Erdkunde. Allerdings ohne Ahnung von Geschichte und Erdkunde.
Die Fahrt endet unplanmäßig in Hamm. Oder in Hagen. Wer kann das schon unterscheiden? Ich zumindest nicht. Ein defekter Zug blockiert die Strecke. Im Ersatz-ICE dann nach Köln, von dort mit dem Ersatz-Bus nach Bonn. Zumindest mussten wir nicht auch noch Fahrrad-Rikscha fahren.
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Später ein letztes kleines Läufchen zusammen mit A. Vier Kilometer. Zum Rhein und wieder zurück. Auf den Rheinwiesen feiern die Erstsemester das Ende ihrer ersten Semesterwoche. Die wahrscheinlich größtenteils aus Feiern bestand. Prost.
06. Oktober 2024, Köln
Marathontag. A. und ich haben mit dem Kölner Marathon noch eine Rechnung offen. Beim Start wird schon mal nicht wie beim letzten Mal auf der Bühne Micky Krause interviewt. (Ja genau, der „Dicke Titten, Kartoffelsalat“-Micky-Krause, der anscheinend auch ambitionierter Hobby-Läufer ist.) Das ist schon mal positiv.
Ansonsten ist das Wetter gut, die Stimmung bombe, das Tempo am Anfang etwas schnell, dafür später etwas langsam, aber wir kommen gesund durch. Rechnung beglichen. Check.
Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel “Nackte Kanone” geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.