¡Hola España! – Anreise (04.09.): Auf Kaffeefahrt mit der Deutschen Bahn

Der alljährliche Urlaubsblog. Aus Spanien. Nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Falls Sie, aus welchen Gründen auch immer, alle Beiträge des ¡Hola España!-Blogs lesen möchten, werden Sie hier fündig.

Wache orientierungslos auf und weiß nicht wer, wo und wann ich bin. Laut dem Stand der Dämmerung könnte es 4 oder schon 9 Uhr sein. Letzteres wäre ungünstig, Unser Zug fährt um 8.30 Uhr am Hauptbahnhof los.

Der Radiowecker zeigt 5.30 Uhr an. Alles im grünen Bereich. Außer dass ich eine Stunde länger hätte schlafen können.

Dafür kann ich alles etwas geruhsamer angehen lassen. (Positiv denken.) Kaffee trinken, aufs Klo gehen, Spülmaschine ausräumen, einen weiteren Kaffee trinken, duschen, Provianttasche fertig richten, Kaffee Nummer drei, nochmal Toilette. Als ich den nächsten Kaffee machen will, sagt die Blase, jetzt sei es mal gut mit dieser Kaffeetrinkerei, sonst würde ich die halbe Fahrt auf der Bordtoilette verbringen und das sei wirklich der letzte Ort, an dem du dich in einem Zug aufhalten möchtest.

Titelbild mit einem Papp-Kaffeebecher der Deutschen Bahn, der auf einem Ausklapptischchen in einem ICE steht. Auf dem Becher steht: Genuss auf ganzer Strecke.
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¡Hola España! – Anreise (04.09.): Auf Kaffeefahrt mit der Deutschen Bahn (Teil 2)

Teil 1


Der TGV hat schon bessere Tage gesehen. Hoffe ich zumindest. Die Sitze sind durchgesessen, der Teppichboden könnte eine Reinigung vertragen – noch besser: rausreißen und verbrennen – und an der Rückenlehne vor mir sind rorschachartige Spritzer von etwas Undefinierbarem, die ich mir lieber nicht näher anschaue, weil ich gar nicht wissen möchte, was das mal gewesen sein könnte. Dafür sitzen keine Rammstein-Assis in unserem Waggon. (Positiv denken.)

Ein Mann, der Richtung Toilette geht, tritt mir versehentlich auf den Fuß. Er ist fast zwei Meter groß, hat das Kreuz eines Möbelpackers und trägt eine Jeffrey-Dahmer-Brille. Deswegen entschuldige ich mich bei ihm und beteure, es sei ganz allein meine Schuld, dass ich meinen Fuß unter seinen gestellt habe.

Bei jedem Halt ertönt kurz vor der Ankunft im Bahnhof eine Frauenstimme aus dem Bordlautsprecher. Sie sagt auf die passiv-aggressivste Weise, die du dir vorstellen kannst: „Wir sind da. Sicherlich nichts zurückgelassen? Ein letzter Blick schadet nicht.“

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21 Uhr. Ankunft in Avignon. Ich weiß nichts über die Stadt. Nur dass dort eine Brücke steht. Vermute ich zumindest, weil wir diese regelmäßig im Grundschul-Musikunterricht besangen.

Auf dem Weg zu unserer Unterkunft. Bin ein wenig nervös, da ich sie gebucht habe. Ein Low-Budget-Appartement-Hotel, bei dem mir Preis und Nähe zum Bahnhof wichtiger als Ausstattung und Komfort waren. Ich hoffe, das Hotel genügt den Ansprüchen meiner Frau.

Andererseits darf sie sich nicht beschweren, sie hätte ja selbst ein Zimmer raussuchen können. Das ist ein ehernes Gesetz unserer mehr als 27-jährigen Partnerschaft und Basis unserer meist harmonischen Ehe: Du darfst dich nicht über etwas beklagen, um das du dich selbst hättest kümmern können.

Gegen diese Regel verstoßen wir fast nie. Zur Not habe ich den Satz einer Kundinnen parat: „Nur wer nichts macht, macht keine Fehler.“ Ein großartiges Motto, mit dem du den größten Bockmist, den du anrichtest, rechtfertigen kannst. („Du hast mich mit meiner Schwester betrogen?“ „Nur wer nichts macht, macht keine Fehler.“)

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Im Hotel ist der Empfang nicht mehr besetzt. Das wussten wir schon, denn ich hatte gestern eine Mail mit detaillierten Anweisungen erhalten:

  • Das Appartement liegt in der 8 Rue de la gare.
  • Wenn die Tür zum Hotel verschlossen ist, benutze den Code 2793.
  • Gehe nicht zur Rezeption, gehe direkt zu dem schwarzen Safe und öffne ihn mit der Kombination 779218.
  • In dem Safe liegt ein Umschlag mit deinem Namen und einem Schlüssel. Gehe damit in den dritten Stock zu Zimmer 314.

Klingt wie der Quest eines 90er-Jahre Text Adventures, bei dem du einen Topf Gold hinter dem Regenbogen suchst, ist aber leider nur der Zugang zu unserer Schlafstätte. Ein schlichtes Zimmer mit zu weißen Wänden und zu greller Beleuchtung und leicht müffelndem Abfluss im Bad. Ich darf das kritisch anmerken, schließlich habe ich es gebucht.

  • Langer Hotelflur. Die Wände sind weiß, die Decke ist niedrig, links und rechts sind Türen.
  • Bett mit aufgestellten Kissen am Kopfende
  • Topf mit Reis in Tomatensauce

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Zum Abendessen machen wir in der Kochnische Express-Beutel-Reis mit passierten Tomaten aus dem Tetrapak. Um den Abwasch zu reduzieren, löffeln wir direkt aus dem Topf. Essen wie Gott in Frankreich neu interpretiert.


Bilanz des Tages

  • 12 Stunden Zug gefahren
  • rund 1.450 Kilometer zurückgelegt
  • 1-mal umgestiegen
  • 0 Minuten verspätet
  • 3 Äpfel, 3 Stullen, und 3 Stücke Kuchen gegessen
  • 3 Cappuccini getrunken (beziehungsweise 1 Cappuccino, noch 1 Cappuccino und 1 weiteren Cappuccino)

¡Hola España! – Vorbereitung (03.09.): Zurück in die Vergangenheit

Der alljährliche Urlaubsblog. Aus Spanien. Nicht live, aber dafür in Farbe und HD. Falls Sie, aus welchen Gründen auch immer, alle Beiträge des ¡Hola España!-Blogs lesen möchten, werden Sie hier fündig.

„Wie heißt nochmal unser Urlaubsort?“ So doll wie meine Frau ihre Augen verdreht, ist zu befürchten, sie kullern gleich aus den Höhlen. Ich möchte nicht ausschließen, dass ihre Augenrollerei darauf zurückzuführen ist, dass ich diese Frage nicht zum ersten Mal gestellt habe, sondern bereits mehrfach. Wie oft, vermag ich nicht zu sagen.

„Vilafortuny. Zwischen Salou und Cambrils“, antwortet meine Frau. Sie redet sehr langsam und etwas zu laut für normale soziale Gepflogenheiten. Als wäre ich schwer von Begriff und schwerhörig. Dabei habe ich nur ein sehr schlechtes Namensgedächtnis. Das schließt neben Personen, Bäumen, Blumen und Vögeln nun mal Orte ein.

Titelbild in den spanischen Farben rot und gelb gehalten mit einem Foto aus den 70ern mit einem dreijährigen mit weißem Strandhütchen und weißem Bademantel unter einem Sonnenschirm am Strand.
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¡Hola España! – Vorbereitung (03.09.): Zurück in die Vergangenheit (Teil 2)

Teil 1


Mit dem Zug bist du zwar länger unterwegs – bei der Deutschen Bahn oftmals noch länger –, aber die langsame Fortbewegung hat auch etwas Beruhigendes und Kontemplatives, so dass du deinen Urlaub sehr achtsam beginnst. Außer du hast massive Verspätungen, verpasst Anschlusszüge und musst ungeplant irgendwo übernachten. Dann fängt dein Urlaub maximal gestresst an.

Die Zugreise nach Spanien ist eigentlich gar nicht so schlimm. Mit dem Nachtzug von Berlin nach Paris, morgens umsteigen und am späten Nachmittag dann Ankunft in Barcelona. Dort wollen wir unsere Ferien mit einem zweitägigen Aufenthalt starten.

Die unkomplizierte Anreise galt zwar noch ein halbes Jahr vor unserem Urlaub, als ich mir das zum ersten Mal angeschaut habe, aber nicht mehr Mitte Juli, als ich die Karten kaufen wollte. Die Nachtzugverbindung nach Paris hatte sich in Wohlgefallen aufgelöst. Stichwort Gleisarbeiten rund um Frankfurt oder irgendetwas anderes. Stattdessen müssen wir nun in Mannheim umsteigen, insgesamt zwölfeinhalb Stunden bis Avignon fahren, dort übernachten und am nächsten Tag geht es weiter nach Barcelona.

Der Vorurlaubsstress erhöhte sich dann zusätzlich, als meine Frau zwei Tage vor unserer Abreise feststellte, dass ich das Hotel in Avignon einen Tag zu früh gebucht hatte. Entsprechend stornierte ich es und musste darauf hoffen, ein anderes zu bekommen. Glücklicherweise stellte sich heraus, dass Hotels in der Bahnhofsgegend von Avignon nicht besonders gefragt sind und ich finde sofort eine alternative Unterkunft. Ich denke besser nicht darüber nach, warum sie so kurzfristig zu haben ist. Sie ist sogar zehn Euro günstiger, was ich lieber auch nicht hinterfrage.

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Aufgrund berufsbedingten Stresses in Verbindung einer gewissen Trägheit komme ich – wie jedes Jahr – nicht dazu, mich vorab inhaltlich eingehend mit Spanien oder unserer Urlaubsregion zu beschäftigen. Stattdessen bereite ich mich mit meinem Assoziationsspiel vor. Ich stelle den Timer auf eine Minute und schreibe, ohne zu googeln, innerhalb von 60 Sekunden alles auf, was mir zu Spanien einfällt.

Meine ersten Assoziationen ist Fußball. Die erste Weltmeisterschaft, die ich als Kind verfolgte, fand 1982 in Spanien statt, Deutschland wurde Vize-Weltmeister. Die letzte Europameisterschaft fand wiederum in Deutschland statt und Spanien gewann den Titel.

Wenn wir schon beim Fußball sind: Die beiden erfolgreichsten spanischen Vereine sind Real Madrid und der FC Barcelona. Gegen Madrid verliert Bayern meistens, gegen Barcelona gewinnen sie häufiger.

Letzte Sport-Notiz: Rafael Nadal. Der Mallorquiner hat eine Milliarde Mal die French Open gewonnen. Ich mochte ihn nie besonders, weil er sehr oft gegen den mir sympathischeren Roger Federer gewann. Beim Abschiedsturnier des Schweizers traten sie gemeinsam im Doppel an, saßen zum Schluss nebeneinander der Spielerbank und weinten hemmungslos. Das fand ich sehr rührend.

Zur spanischen Geschichte weiß ich nicht viel. Nur dass das Land früher eine stolze Seefahrernation war. Christoph Kolumbus war zwar Italiener, aber seine „Entdeckungsreise“ nach Amerika finanzierte das spanische Königshaus. Auch nichts, auf das ich als Spanier allzu stolz wäre.

Über die aktuelle spanische Politik habe ich ebenfalls sehr wenig Wissen. Der Regierungschef ist Sozialist, aber kein SED-Sozialist, sondern mehr so ein SPD-Sozialist. Sein Name ist mir unbekannt. (Im Zweifel Sanchez.) Bis in die 70er herrschte in Spanien der Diktator Franco. Vorname unbekannt. (Zumindest mir.)

Spanien hat ein Königshaus. Dessen langjähriges Oberhaupt Juan Carlos (I. oder II.?) fiel vor ein paar Jahren in öffentliche Ungnade. Ich glaube wegen einiger außerehelichen Affären sowie unzeitgemäßer Großwildjagd-Fotos. Wahrscheinlich gab es noch einige andere Skandale, denn ein paar Mätressen sowie Elfenbein-Trophäen gelten unter Blaublütigen wohl eher als Nichtigkeiten.

Zur spanischen Kultur fallen mir nur Flamenco, Carmen (hat ein Franzose geschrieben) und Stierkampf ein. Wobei letzteres weniger in die Kategorie Kultur, sondern mehr unter Tierquälerei fällt.

Kulinarisch verbinde ich Spanien mit Tapas, Rotwein und Paella. Tapas und Paella habe ich noch nie gegessen. Letztere sollte nicht mit Polenta verwechselt werden. Paella: Fisch-Reis-Gericht, Polenta: irgendwas mit Mais.

Geographisch ist Spanien eine Halbinsel und sieht wie eine Faust aus und deswegen leicht auf unbeschriebenen Europa-Landkarten zu finden. (Unschöne Erinnerungen an Erdkunde-Tests in der Mittelstufe.)

In diesem Sinne: ¡Hola España 2024!