Eine kleine Wochenschau | KW12/2025: Der Schokoladen-Millionär (Teil 2)

Teil 1


21. März 2025, Berlin

Osterrabatte bei Penny. Nur 2,69 Euro für die 110g-Hasen von Kinder-Schokolade. Ich habe keine Ahnung, was die normalerweise kosten. Weil das Preisschild aber rot hervorgehoben ist, vertraue ich als unmündiger Kunde dem Discounter, dass es sich um ein unschlagbares Schnäppchen handelt.

Packe acht Stück ein – für die Osterhasen-Aktion bei uns im Haus – und lege mehrere Tüten mit Milka-Eiern dazu. Eigentlich stört das meinen inneren Monk. Produkte von zwei unterschiedlichen Marken zu kombinieren, deren farbliche Gestaltung sich auch noch so sehr unterscheidet. Allerdings sind die Eier ebenfalls mit einem roten Preisetikett ausgezeichnet, so dass sich mein innerer Sparfuchs durchsetzt.

An der Kasse ruft mein mit Ostersüßigkeiten gefüllter Wagen Bewunderung bei vier circa zehnjährigen Jungs hervor. Was ich mit der vielen Schokolade vorhabe, wollen sie wissen. Erkläre ihnen, die würde ich an die Kinder in unserem Haus verteilen. Ihren Gesichtern ist die Enttäuschung anzusehen, dass sie nicht bei uns wohnen.

Endgültig Legendenstatus erlange ich bei den Knaben, als ich meine Einkäufe mit meiner goldenen Postbank-EC-Karte bezahle. Die besitzen meine Frau und ich lediglich, weil wir gemeinsam oberhalb des monatlichen Geldeingangslimits von 3.000 Euro liegen. Bei jeder Benutzung schäme ich mich, weil die Karte so protzig aussieht, und komme mir wie ein ungehobelter Neureicher vor.

Den Jungs ist das egal, sie halten mich wahrscheinlich für einen Millionär. Ich möchte den Mitarbeitenden bei Penny nicht zu nahe treten, aber wäre das der Fall, kaufte ich nicht hier, sondern im benachbarten Bio-Supermarkt ein.

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Inzwischen sind die beiden Asienreisenden in Lombok angekommen. Wegen eines Unwetters kreiste ihr Flugzeug eine Stunde über dem Flughafen. Erst im vierten Versuch gelang dem Piloten die Landung.

Ihre Bilder vom Strand zeugen auch nur wenig von Idylle. Regen, Wind, Wellen, alles ist grau. Lediglich die Palmen im Hintergrund erinnern an Indonesien. Ansonsten könnten das auch Fotos von einem herbstlichen Nordseeurlaub sein.

22. März 2025, Berlin

Heute vor fünf Jahren begann der erste Corona-Lockdown in Deutschland. Mit Home Office, Schulschließungen und menschenleeren Straßen. Und in den Supermärkten begann der Kampf um Nudeln, Klopapier und Mehl.

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Bekomme auf Insta das Video eines Parcours-Artisten in meinen Feed gespielt. Der Mann springt von sehr hohen Gebäuden oder Mauern in Laternenpfähle oder Masten hinein und gleitet daran zu Boden.

Ich habe viele Fragen:

  • Warum macht er das? Für den Kick, den Augenblick?
  • Ist ihm das Prinzip Treppenstufen unbekannt?
  • Wie hoch sind die Beiträge seiner Unfallversicherung?
  • Warum schaue ich mir das an? Für den Kick, den Augenblick? Aber ohne meinen Schreibtisch zu verlassen?

23. März 2025, Berlin

Lese in den letzten Tagen regelmäßig bei „Buddenbohm und Söhne“. Dort postet Maximilian Buddenbohm seit 21 Jahren Interessantes, Nachdenkliches, Informatives und Amüsantes. Inzwischen sogar täglich, immer auf höchstem sprachlichem Niveau und in einer intellektuellen Tiefe, dass du schon mal neidisch werden kannst.

Selbstverständlich auf bewundernde und wertschätzende Weise. Im Sinne von „Auf diese Formulierung wäre ich auch gerne gekommen.“ und nicht mit dem Gedanken „Hoffentlich bekommt der olle Max bald Gicht, damit er nicht mehr tippen kann und mein Blog in besserem Licht dasteht.“

Heute berichtet er von einer Datenbank mit den Werken, die Meta „genutzt“ (aka geklaut) hat um seine AI zu trainieren. Ich bin narzisstisch genug, um sofort meinen Namen in das Suchfeld einzugeben. Fehlanzeige. (Im Gegensatz zu Maximilian Buddenbohm.)

Dafür hat sich Meta an folgenden Werken von fast Christian Hannes bedient:

  • Christian A. Hanke: Computational Methods for Understanding Riboswitches
  • Christian Hanke (zusammen mit Holger Gohlke): Tertiary Interactions in the Unbound Guanine-Sensing Riboswitch Focus Functional Conformational Variability on the Binding Site
  • Christian Hanner (gemeinsam mit Tomas McKelvey): On Identification of Hammerstein Systems Using Excitation With a Finite Number of Levels

Ich habe keine Ahnung, was Riboswitches sind – Ribo-Switches oder Ribos-Witches? –, und das Hammerstein-System ist mir ebenfalls unbekannt. Dennoch beziehungsweise gerade deswegen scheinen mir diese Beiträge besser geeignet zu sein, um eine künstliche Intelligenz klüger zu machen als Bücher wie „Ein Vater greift zur Flasche“ oder „Wenn ich groß bin, werde ich Gott“.

Ein bisschen enttäuscht bin ich dennoch. Sobald ein Unternehmen an einer Artificial Stupidity arbeitet, kommt aber meine große Stunde.

Stoße bei Maximilian außerdem auf einen Clip von Bill Nighy („Love actually”, „The boat that rocked”). Darin kündigt er einen neuen Podcast an. Mit den Worten: „My name is Bill Nighy and I am here to complicate things further.” Was für ein Intro.

Und ein Satz, der in so vielen Lebenssituationen passt:

  • „Ich bin Friedrich Merz. I am here to complicate things further.“
  • „Ich bin der Klempner, der sich ihre kaputte Heizung anschauen soll. I am here to complicate things further.“
  • „Ich bin das Programm zum Ausfüllen deiner Steuererklärung. I am here to complicate things further.“
  • „Ich bin die Lasche zum Öffnen der Wurstverpackung. I am here to complicate things further.“

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Eine kleine Wochenschau | KW12/2025: Der Schokoladen-Millionär

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


17. März 2025, Berlin

Sehe vom Balkon aus auf der anderen Straßenseite eine Tagesmutter mit einem Kinderwagen mit den Ausmaßen einer Stretch-Limo. Darin sitzen sich vier Kinder in Zweier-Reihen gegenüber, in ihren Händen halten sie Plastikbecher. Damit stoßen die Kleinen schwungvoll an, begleitet von lautem Lachen, Kichern und Glucksen.

Das kann man nun bedenklich finden, zweijährige Kinder die quasi ein Alkoholgelage nachmachen. Oder man erfreut sich an ihrer ansteckenden Fröhlichkeit. Ich entscheide mich für letzteres. Gerade in diesen Zeiten darfst du nicht immer das Schlechte sehen. Da musst du auch mal schöne Gedanken zulassen. In diesem Sinne: Prost.

Titelbild mit einem Wand-Graffiti von Balu dem Bären mit rückwärts getragenem Basecap, Baggy Pants und einer dicken goldenen Halskette
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Eine kleine Wochenschau | KW11/2025: Zunehmende Verspießerung (Teil 2)

Teil 1


14. März 2025, Berlin

Aus der Reihe „Schlagzeilen, die sich anhören, als hätte Der Postillon sie erfunden“: USA bitten Dänemark um Eier. Ist aber kein Artikel auf der Satire-Seite, sondern steht auf Spiegel Online.

Um die exorbitant hohen Eierpreise (12 Eier für 8 US-Dollar) zu drücken, möchten die USA, dass Europa seine Eier-Exporte erhöht. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum Trump sich Grönland unter den Nagel reißen will. Nicht aus geostrategischen Interessen oder wegen der Bodenschätze, sondern um an günstige europäische Eier zu kommen.

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Lese auf Twitter eine interessante Frage: „Wenn ihr ab sofort in der Serie lebt, die ihr zuletzt geschaut habt, wo seid ihr gelandet?“

Bei uns wäre das ungünstigerweise Gilead aus der Serie „A Handmaid’s Tale“. Ein christlich-fundamentalistischer Gottesstaat, der in der nach einem gewaltsamen Umsturz in den USA als streng patriarchalische Militärdiktatur errichtet wurde. Aufgrund von Geschlechtskrankheiten und Umweltgiften sind die Geburtenraten weltweit dramatisch zurückgegangen und in Gilead sind die verbliebenen gebärfähigen Frauen als Dienstmägde versklavt und müssen den herrschenden Kommandanten und ihren unfruchtbaren Frauen Kinder gebären. Kein schöner Gedanke, Teil einer solchen Gesellschaft zu sein.

Eine Userin schaut die Serie ebenfalls und schreibt, sie könnte dort nicht leben. Da wäre sie die ganze Zeit damit beschäftigt, Kommandanten zu killen und Kinder zu retten.

Das würde ich von mir auch gerne behaupten, bin aber skeptisch, ob ich zu so einer Form von Widerstand fähig wäre. Dazu befolge ich zu penibel Regeln, scheue Konflikte und bin stets auf Harmonie aus. Obendrein bin ich ängstlich und schrecke vor körperlicher Gewalt zurück. (Vor allem vor körperlicher Gewalt mir gegenüber.)

Ich fürchte mit so einer Persönlichkeitsstruktur bist du kein Weiße-Rose-Material.

15. März 2025, Berlin

Heute ist Alles-was-du-denkst-ist-falsch-Tag. Vielleicht denke ich das aber nur und das ist falsch.

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Der Sohn hat ein Unterhosenproblem. Wie sie sich denken können, nicht mit zu viel eingepackten, sondern mit zu wenigen.

Zur Behebung seiner Unterwäsche-Knappheit kaufte er pragmatisch ein Paar Fake-Tommy-Hilfiger-Unterhosen. Der Straßenhändler riet ihm zu XL, da die Hosen sehr klein ausfielen. Damit hatte er recht, denn sie waren tatsächlich so klein, dass der Sohn zuhause feststellen musste, nicht reinzupassen.

Also besorgte er am nächsten Tag ein weiteres Paar. Diesmal in XXL, aber mit dem gleichen Resultat: Sie waren immer noch zu klein. Eine Triple-X-Variante hat der Mann nicht im Sortiment. Als normalgewichtigen Europäer giltst du in Thailand anscheinend als fettleibig. Falls Jumbo Schreiner mal Urlaub in Südostasien macht, sollte er auf jeden Fall genügend Unterhosen einpacken.

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Treffe mich heute seit längerem mal wieder zum Laufen im Grunewald. Die Leistungsfähigkeit unserer Laufgruppe lässt sehr zu wünschen übrig. O. ist durch Frühblüher außer Gefecht gesetzt und hat gleich abgesagt, A. war eine Woche Skifahren in Österreich und hat Puddingbeine und ich habe aufgrund von Karneval, Erkältung und Rücken in den letzten Wochen auch ein eher unterdurchschnittliches Pensum absolviert.

Lediglich J. fällt aus dem Rahmen. Der hat sich für Ende April für einen Harz-Lauf von 53 Kilometern mit 1.000 Höhenmetern angemeldet. Deswegen läuft er seit Anfang des Jahres jeden Sonntag 30 Kilometer und ist topfit. Streber. Wenn er so weiter macht, darf er nicht mehr mitspielen.

16. März 2025, Berlin

Ein Plakat auf der Litfaß-Säule am Anfang unserer Straße kündet von der „Can’t Rush Greatness“-Tour von Central Cee. Als Endvierziger sind mir der britische Rapper und sein Oeuvre selbstverständlich unbekannt. Der Titel der Tour gefällt mir aber ausgezeichnet. „Can’t Rush Greatness“. Central Cee geht quasi auf „Gut Ding will Weile haben“-Konzertreise.

Das ist maximale Entschleunigung und Achtsamkeit. Toll.

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Meine Frau hat mir diese Woche ein TikTok-Video geschickt, in dem Gary Oldman Szenen aus seinen Filmen vorgespielt werden, die mit Furzgeräuschen unterlegt wurden. Das ist phantastisch und ganz besonders seine Reaktion darauf.

@colbertlateshow

To fart, or not to fart, that is the question. #Colbert #GaryOldman

♬ original sound – colbertlateshow

Ich habe schon immer gesagt: Wenn deine Partnerin oder dein Partner nicht über Furz-Witze lachen kann, solltest du das Weite suchen.


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Eine kleine Wochenschau | KW11/2025: Zunehmende Verspießerung

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


10. März 2025, Berlin

Beginne den Montagmorgen auf dem Sofa, trinke Kaffee und checke die neuesten Angebote in meinen diversen Supermarkt-Apps. Du kannst auch mit Ende 40 das Leben eines Rockstars führen.

Fühle mich ein bisschen wie meine Großmutter. Die lebte in den USA, wo wir sie Mitte der 80er besuchten. Wenn ich mit ihr zum Einkaufen fuhr, kramte sie vorher aus einer Küchenschublade Coupons raus, die sie regelmäßig aus Zeitungen und Magazinen ausschnitt. 20 Cent Rabatt auf Milch, drei Packungen Cornflakes zum Preis von zwei oder ein Zehn-Prozent-Gutschein für Zahncreme.

Ich bin 25 Jahre jünger, als meine Großmutter damals war – ein Satz der sich sehr niederschmetternd liest, war sie seinerzeit für mich doch steinalt –, sammle aber genauso fleißig Rabattmarken. Nur nicht mit der Schere, sondern digital.

Titelbild mit zwei Phantasiefiguren auf einem Stromkasten. Die linke Figur ist pink, die andere grün, sie schauen sich beide an.
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Eine kleine Wochenschau | KW10/2025: In meinem Alter (Teil 2)

Teil 1


06. März 2025, Berlin

Dem Sohn und N. geht es inzwischen besser. Von Phuket haben sie aber noch nicht allzu viel gesehen. Für morgen haben sie Schnorcheln und Elefanten schauen geplant. Das Sex, Drugs and Rock `n Roll der Thailand-Reisenden.

Außerdem wollen sie unbedingt in einen Supermarkt. Europäische Lebensmittel kaufen. Sie könnten kein Reis mit Hühnchen und Ei mehr sehen. Sind das die gleichen Jungs, die letzte Woche noch meinten, Koh Samui sei das Paradies, nur die vielen Touris nervten?

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Mein Fieber ist weg und ich kann wieder arbeiten. (Nichts ist perfekt.) Mein Rücken wird allmählich auch besser. („In meinem Alter“, my ass.) Zur Vorbeugung weiterer Schmerzen trage ich am Schreibtisch eine Wärme-Weste. Quasi eine Wärme-Decke, die du am Hals zusammenknöpfst und am Bauch zusammenbindest.

Das sieht genauso sexy aus, wie es sich anhört. Da die Weste aus einem grauen, flauschigen Material besteht, könnte sie aus dem Star-Wars-Kostüm-Fundus für Ewok-Komparsen stammen.

Dafür hält sie schön warm und das tut dem Rückenmuskel gut. So gut, dass du vergisst, dass er gezerrt ist, weswegen du zu schwungvoll aufstehst und für ein paar weitere Stunden die Wärmeweste tragen musst.

07. März 2025, Berlin

Neue Nachricht von Chocolate-Jared. Ich hätte seine letzte Mail geöffnet, mich aber nicht gemeldet.

Durch überlegene Qualität und Zuverlässigkeit brächten ihre Produkte einen enormen Mehrwert. Mir war nicht bewusst, dass Schokolade zuverlässig sein kann. Wie ist Schokolade, wenn sie unzuverlässig ist? Kommt sie dann immer zu spät, reißt Deadlines und hält sich nicht an Absprachen?

Jared schlägt ein Telefonat für eine Produktdemonstration vor. Wie kann ich mir das vorstellen? Eine Schokoladen-Produktdemonstration? Schiebt sich Jared während des Gesprächs einen Riegel nach dem anderen rein und ruft dabei: „Mmh, wie lecker. Und so zuverlässig.“?

Weil ich keine Lust auf weitere Schokoladen-Anpreisung-Nachrichten habe, lösche ich seine Mails und blockiere Jared.

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Meine Erkältung ist so gut wie weg und ich niese nicht mehr im Viertelstundentakt. Das freut auch den Rückenmuskel. Dafür machen sich beim Schlucken leichte Halsschmerzen bemerkbar. Möglicherweise bin ich doch „in meinem Alter“ und ein körperliches Wrack.

08. März 2025, Berlin

Wir nutzen den sonnigen Tag, um uns im Volkspark Rehberge die Wildschweine anzuschauen. (What a time to be alive!)

Liefere mir mit einem mittelgroßen Eber ein Anstarr-Duell. Wer zuerst wegschaut, verliert. Mein „intrusive thought“ dabei: Ich könnte über den Zaun klettern und das Wildschwein streicheln.

Darauf hat das Tier aber keinen Bock und verzieht sich. Somit gewinne ich den Anstarr-Wettbewerb. Und lande nicht im Krankenhaus. Ein doppelter Sieg für mich.

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Kommen auf dem Heimweg an einem Blumenladen vorbei, davor eine lange Schlange. „Deine letzte Chance, mir zum Frauentag einen Blumenstrauß zu kaufen“, spottet meine Frau.

In den mehr als 28 Jahren, in denen wir zusammen sind, habe ich ihr noch nie Blumen geschenkt. Außer vor ein paar Jahren zum Geburtstag einen Lego-Blumenstrauß. Nicht aus mangelnder Wertschätzung, sondern weil ich keine Schnittblumen mag.

Nach wenigen Tagen müffelt das Blumenwasser, das musst du dann wegschütten und die Blumen entsorgen. Die tropfen alles voll und weil unsere Vasen nicht in die Spülmaschine passen, müssen sie per Hand abgewaschen werden. Das spricht alles gegen das Verschenken von Blumensträußen.

Dafür habe ich meiner Frau zum Frühstück Pancakes gebacken. Das muss als Frauentaggeschenk reichen.

Meine Frau und ich sind so emanzipiert, dass sie am internationalen Frauentag das Bad putzt. Dazu hört sie "Killing in the name of" und singt: "Fuck you, I won't do what you tell me." ✊️

— Familienbetrieb (@familienbetrieb.bsky.social) 8. März 2025 um 13:24

09. März 2025, Berlin

Beobachte vom Balkon aus ein kleines Mädchen, schätzungsweise drei Jahre alt. Die Kleine trägt eine lilafarbene Jacke im Leopardenmuster-Look, eine altrosa Strumpfhose, fährt einen türkisenen Roller in Vespa-Anmutung, ihr Helm ist mattschwarz gehalten und mit einer blauen Rakete beklebt, ihr Gesicht ziert eine regenbogenfarbene Sonnenbrille in Herzform. Phantastisch.

Wenn ich groß bin, möchte ich auch so viel Stilbewusstsein haben.


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Eine kleine Wochenschau | KW10/2025: In meinem Alter

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


03. März 2025, Berlin

Nach fünf Tagen Karneval in Köln muss ich mich in den Berliner Alltag resozialisieren. Wie jedes Jahr eine Herausforderung. Zum einen für die Ernährung. Statt Kölsch, belegte Brötchen, Teilchen und fragwürdigen Bouletten, wieder mehr Obst, Gemüse und Protein. (Interessante Erfahrung für den Körper.)

Zum anderen für das Sozialverhalten. Nicht jeden Abend singend und schunkelnd in der Kneipe abhängen und dummes Zeug labern, sondern die Nachbar*innen im Treppenhaus grüßen, im Supermarkt mit Verkäufer*innen interagieren und nicht jeden und jede duzen.

Mein Rücken erschwert meine Rückkehr in die Normalität zusätzlich. Der untere linke Rückenmuskel ist leicht gezerrt. Was sich in sehr vielen Situationen als sehr nachteilig erweist. Wie oft am Tag du auf deine untere Rückenmuskulatur angewiesen bist, merkst du erst, wenn sie nicht ganz funktionsfähig ist.

Zum Beispiel beim Aufstehen aus dem Bett, beim Hinsetzen auf Toilette, beim Aufstehen von Toilette – zwischendrin ebenfalls –, beim Ein- und Ausstieg ins Duschbad, beim Anziehen von Unterhose, Socken und Jeans (je enger, desto schlechter) und dann sind erst 20 Minuten des Tages rum.

Titelbild von einer weißen Häuserwand auf der in roter Schrift steh: Jugend verweigert
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Eine kleine Wochenschau | KW09/2025: Kumm, loss mer fiere (Teil 2)

Teil 1


Begegnungen im Laufe des Tages:

  • Ein gebürtiger Rumäne im Piraten-Kostüm erzählt mir, er habe fünfzehn Jahre bei Springer für BILD und Welt geschrieben und das sei bis heute sein Traumjob. Er ist trotzdem ganz nett. Inzwischen sei er am Robert-Koch-Institut. Leider nicht als Molekularbiologe, was ich spektakulär gefunden hätte, sondern in der Öffentlichkeitsarbeit.
  • Ein junger Mann hat sich als Friedrich Merz verkleidet. Mit grauem Anzug, Krawatte, dunkler Brille und dem charakteristischen Haarsträußchen auf der hohen Stirn. Ich erkläre ihm, er solle es nicht persönlich nehmen, aber falls er verdroschen würde, käme ich ihm nicht zur Hilfe. Er hat dafür Verständnis. Er sei selbst überrascht, wie viel Selbsthass er beim Blick in den Spiegel entwickle.
  • Ein in Mazedonien geborener Albaner, der in Deutschland lebt, seit er drei ist, bezeichnet sich als eher konservativ und CDU-nah, sei jedoch tolerant gegenüber Menschen mit anderen politischen Einstellungen. Das freut mich für mich. Vielleicht sollte ich ihn mit Friedrich Merz bekannt machen.
  • Eine Frau in meinem Alter in undefinierbarem Kostüm redet sehr schnell und sehr viel auf mich ein. Nach der Unterhaltung weiß ich nicht mehr, ob sie früher in Berlin gearbeitet hat und jetzt in Köln lebt oder umgekehrt. Sie erzählt, sie sei im Musikbusiness tätig und wirft dabei mit Musikstilen um sich, von denen ich noch nie gehört habe und mir auch nicht behalte. Außerdem erfahre ich, dass sie gerne an Mopeds schraubt. Und noch viel mehr, an was ich mich nicht erinnere. Möglicherweise bin ich einfach nur von ihrem Lippenstift abgelenkt. Der ist total verschmiert, als hätte sie hardcore geknutscht, was mir ein wenig Angst macht, sie könne mir das ebenfalls anbieten. Anscheinend bemerkt sie meinen irritierten Blick, denn sie erklärt ungefragt, sie habe nicht rumgezüngelt, sondern das sähe seit Anfang an so aus, denn das sei der beste Trick. Worin genau der Trick besteht und was er bewirkt, behält sie allerdings für sich. Da ich nichts zu dem Gespräch beitragen kann, verabschiede ich mich schließlich mit der nicht besonders eleganten, aber sehr wirkungsvollen Exit-Option: „Ich muss mal aufs Klo.“

Bilanz des Tages: 24.473 Schritte gemacht, 20 Kilometer zurückgelegt und 3.106 Kalorien verbrannt.

28. Februar 2025, Köln

Wache um 7 auf und fühle mich verhältnismäßig fit. Bedanke mich bei meinem Vergangenheit-Ich für die vier Cola, die ich zwischendurch getrunken habe.

Schlafe nochmal ein, werde dann um 10 Uhr von den Kindern der Kita, die an mein Zimmer grenzt, geweckt. Die veranstalten einen Wettbewerb, wer am lautesten und schrillsten schreien kann. Auf sehr hohem Niveau und mit sehr viel Ausdauer.

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Abends Treffen im „Anno Pief“, einer urigen Kneipe am Eigelstein. Auf dem Weg dorthin in der Altstadt spielen sich die unschönen Seiten des Karnevals ab. Sehr viele Menschen in SWAT-Uniformen, Haus-des-Geldes-Overalls und-Masken, oder in Tierkostümen aus billigen Materialien, die bei mir schon beim Anschauen zu Hautausschlag führen.

Die meisten der Feiernden sind betrunken, aber nicht auf eine gesellige Art, sondern latent aggressiv. Aus einigen der Locations dröhnt Schlagermusik oder Techno. Was an Karneval ein No-go ist. Ich gehe ja auch nicht ins Berghain und wünsche mir beim DJ „Trink noch eene mit“.

Begegnungen im „Anno Pief“:

  • Eine Frau mit regenbogenfarbener Perücke, der ich als „Christian aus Berlin“ vorgestellt werde, sagt daraufhin, eben sei schon jemand aus Rostock da gewesen. Eine Aussage, die kommunikativ nur bedingt anschlussfähig ist, denn Berlin und Rostock liegen von Köln aus gesehen zwar im Osten, haben aber sonst nicht viel gemeinsam. Stattdessen denke ich darüber nach, ob die Perücke wohl so leicht entflammbar ist, wie sie aussieht. Behalte das aber für mich, denn eine solche Äußerung könnte leicht als aggressiver Akt missverstanden werden.
  • Ein Mittvierziger im Zeitungsjungen-Kostüm nimmt meinen Berliner Wohnsitz zum Anlass mir sehr detailliert, aber dramaturgisch eher spannungsarm, zu erzählen, wer aus seiner Verwandtschaft alles in der Hauptstadt lebt. Mit Vor- und Zunamen, Straße, Hausnummer und was sie aus ihren Fenstern sehen. (Krankenhaus, Blumenladen, Kiosk.) Auch hier weiß ich nicht so recht, was ich zu der Unterhaltung beisteuern soll. Belasse es bei „Kenne ich nicht“, „Da war ich noch nie.“ und „Aha.“
  • Sein Kumpel, der ein Karnevalsgardisten-Uniform trägt, fragt mich, ob ich in Berlin häufig zum Fußball ginge. Als ich erkläre, weder für Hertha noch für Union sonderlich viel Sympathie zu hegen, zählt er eine Reihe von Berliner Vereinen aus unteren Amateurligen auf, die mir größtenteils unbekannt sind. Er ist Fußballfan durch und durch. Vorzugsweise geht er in kleine Stadien mit ein paar hundert Fans, wo der Vereinspräsident persönlich am Grill steht und fragwürdige Würste brät und das Bier 1,50 Euro kostet.
  • Gespräch mit einem Supermario, der im echten Leben Sozialpädagoge ist und dessen Leidenschaft das Drehen von Filmen ist. Deswegen produziert er mit seinen Jugendlichen Kurzfilme, die in lokalen Programmkinos laufen und auf einem eigenen YouTube-Kanal beworben werden. Er träumt davon, einmal bei einem richtigen Spielfilm mit echten Schauspielern Regie zu führen. Gleichzeitig liebt er seinen Beruf als Sozialarbeiter und freut sich jeden Sonntag, dass er am nächsten Tag arbeiten darf. Was für ein glücklicher Mensch.

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Zurück im Hotel ist es erstmal vorbei mit dem Karnevals-Eskapismus. Weil ich unvorsichtigerweise Spiegel Online öffne und die Berichte über das Treffen von Präsident Selenskyj im Weißen Haus lese und wie ihn Trump und Vance wie zwei Schulhof-Bullys öffentlich drangsaliert und gedemütigt haben.

Ich verstehe mich als friedliebenden Menschen und denke, dass Gewalt zumindest mittel- bis langfristig keine Lösung ist. Trotzdem hoffe ich auf den Tag, an dem ein ausländischer Staatschef Trump vor laufender Kamera eine reinzimmert. Präsident Selenskyj war wahrscheinlich kurz davor. (Was ihm mittel-bis langfristig auch nicht geholfen hätte. Nicht einmal kurzfristig)

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Bilanz des Tages: 15.890 Schritte gemacht, 13 Kilometer zurückgelegt und 2.613 Kalorien verbrannt.

01. März 2025, Köln

Gehe vormittags laufen. Nach meiner etwas einseitigen Ernährung der letzten Tage, die hauptsächlich aus Kölsch, Buletten und belegten Brötchen bestand, erscheint mir etwas sportliche Betätigung keine schlechte Idee zu sein. Mein Körper ist anderer Meinung.

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Ab 16 Uhr wieder Besuch in der Elsa. Heute in meinem traditionellen Wo-ist-Walter-Kostüm. Um die Verkleidung etwas aufzupeppen, habe ich auf Etsy für 15 Euro einen alten Fotoapparat gekauft. Bei einer Frau, die eigentlich einen Shop für esoterischen Hexenbedarf betreibt. Der Fotoapparat scheint aber nicht verwunschen zu sein.

Beim Feiern erweist sich die Kamera als eher unpraktisch. Zum einen ist sie relativ schwer und klobig, zum anderen machst du keinen guten Eindruck, wenn du regelmäßig mit einem riesigen Fotoapparat an der Damentoilette vorbeigehst, wie so ein Spanner, der seinem Hobby frönt.

Janni hat sich als Hausmeister verkleidet. Mit seiner Perücke, der gelb getönten Brille, dem angeklebten Schnurrbart und seinem grauen Arbeitskittel hätte er gute Chancen bei der Wahl zum „Unsexiest Man Alive“. Wahrscheinlich hat seine Frau das Kostüm für ihn ausgesucht.

Etwas skurril ist ein circa 70-jähriger Mann, der unverkleidet gekommen ist. Das ist in einer Karnevals-Kneipe sehr ungewöhnlich. Er trägt einfach Jeans und ein blauweiß kariertes Hemd. In unserer Gruppe wird die Vermutung angestellt, dass er als Düsseldorfer geht.

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Bilanz des Tages: 36.934 Schritte gemacht, 32,2 Kilometer zurückgelegt und 3.521 Kalorien verbrannt.

02. März 2025, Köln/Berlin

Verbringe vor meiner Abreise noch etwas Zeit am Rhein und genieße die Sonne. Bekomme dabei etwas Zug am Rücken und als ich nach anderthalb Stunden aufstehe, durchfährt mich ein stechender Schmerz, so dass ich kaum meinen Koffer heben kann. Nachdem ich drei Tage lang Karneval schadlos überstanden hat, streikt mein Körper wegen eines kleinen Lüftchens. Schönen Dank auch.


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Eine kleine Wochenschau | KW09/2025: Kumm, loss mer fiere

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


24. Februar 2025, Berlin

Kurz nach drei. Der Wecker klingelt. Nicht für mich, sondern für meine Frau. Die muss nach Mannheim auf eine Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung. Thema: Antisemitismus in der Krise.

In meinen Augen eine etwas missverständliche Formulierung. Ich habe eher den Eindruck, Antisemitismus ist nicht in der Krise, sondern hat Hochkonjunktur.

Titelbild mit einem Aushang, der an einem Schaufenster klebt. Darauf steht: "Karnevals-Ohrwurm zum Mitnehmen", unten sind einzelne Streifen mit Zeilen aus kölschen Karnevalsliedern zum Abreißen
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Eine kleine Wochenschau | KW08/2025: Und dann ist er weg (Teil 2)

Teil 1


19. Februar 2025, Berlin

Heute ist Tag der Minzschokolade.

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Die letzten beiden Tage verbrachten der Sohn und N. noch in Frankfurt bei dem Bruder meiner Frau und seinem Mann, gestern Abend flogen sie nach Bangkok. Dort sind es 31 Grad, was 42 Grad mehr als in Berlin ist. Damit ist die Reise jetzt schon ein voller Erfolg.

Übersetzt heißt Bangkok „Ort am großen Fluss mit vielen Bäumen“. In diesem Sinne ist Berlin „Ort am großen Fluss mit vielen unfreundlichen Menschen“.

Um die Daheimgebliebenen über ihren Asien-Trip auf dem Laufenden zu halten, haben der Sohn und N. eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet. Diese besteht aus einer sehr diversen Mischung aus Großeltern, Eltern, Geschwistern, der Freundin von N. und dem Judotrainer des Sohns. Vermutlich haben sie noch eine weitere Gruppe für ihre Kumpels mit unzensierten Informationen.

Abends posten sie ein Bild ihres Essens. Hühnchen mit Reis, dazu frisch gepresster Mangosaft. Für insgesamt vier Euro. Als würde das nicht schon genügend Neid erzeugen, sitzen die beiden auch noch in T-Shirts und kurzen Hosen am Tisch. Vielleicht mute ich die Gruppe für die nächsten zwei Monate.

20. Februar 2025, Berlin

Mutter hat heute Geburtstag. Genauso wie Rihanna, Jan Delay, Cindy Crawford, Charles Barkley, Stefan Waggershausen, leider auch Alexander Gauland, Jasna Fritzi Bauer sowie Kurt Cobain, Sidney Portier und Heinz Erhardt, wobei die letzten drei nicht mehr leben.

Ein beeindruckende Reihe von Prominenten. Da kann ich nicht mithalten. Die berühmteste Person, mit der ich das Geburtsdatum teile, ist Benito Mussolini.

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Laut Spiegel Online hat die NASA berechnet, dass der Asteroid 2024 YR 4 mit einer Wahrscheinlichkeit von 3,1 Prozent am 22. Dezember 2032 auf der Erde einschlagen wird. Die dabei freigesetzte Energie entspräche 500 Hiroshima-Atombomben. Das würde in einem Umkreis von zehn Kilometern alles zertrümmern, reiche aber nicht aus, um die komplette Menschheit auszulöschen. Angesichts der gegenwärtigen geopolitischen Lage ist das fast schon zu bedauern.

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Jedwede Befürchtungen unsererseits, der Sohn und N. könnten auf ihrer Reise unvernünftige Dinge machen, wie sie junge Menschen mit Testosteronüberschuss zu tun pflegen – zum Beispiel mit verbundenen Augen Mofa fahren oder Bungee-Jumping mit einem Hanf-Seil praktizieren – erweisen sich bisher als unbegründet. Die meiste Zeit des Tages verbringen sie mit Essen.

Zumindest lassen das die Fotos vermuten, die sie regelmäßig posten. Von Food Markets, Supermärkten, Straßenständen und Imbissläden. Von meterweise Auslagen mit geschnittenem Obst wie Ananas, Äpfel, Mangos, Pitaya, Melonen sowie exotischen Früchten, die ich noch nie gesehen habe. Alles geschnitten, verpackt und direkt verzehrfertig. Dazu immer wieder riesige Becher mit Smoothies in hellgrün, gelb, pink oder lila. Die größte Gefahr, der die beiden ausgesetzt sind, ist wahrscheinlich ein Vitaminschock, weil ihre Körper den Verzehr von so viel Obst nicht gewohnt sind.

Etwas Verrücktes machen sie abends doch noch: Frittierten Skorpion am Stiel essen. Dabei schauen sie etwas besorgt, weil ihnen nicht ganz klar ist, ob sie das ganze Tier unbedenklich verzehren können. Der Verkäufer hat ihnen das zwar erklärt, aber nur in schlechtem Englisch und halb auf thailändisch. Da kann es schon zu ein wenig „lost in translation“ kommen, was beim Verspeisen eines giftigen Arachniden nicht besonders erstrebenswert ist.

Ihr kulinarische Urteil fällt eher so mittel aus. Hart und salzig. Oder wie der Sohn sagt: „Das wird gar nicht weniger im Mund.“ Wenn ich ihre Gesichtsausdrücke richtig deute, wird frittierter Skorpion nicht zu einem festen Bestandteil ihres Speiseplans.

21. Februar 2025, Berlin

Neue Bilder in der Asien-Gruppe: Von einer Roof-Top-Bar, in der die beiden Jungs zum Abendessen waren, wo du selbst auf der Toilette einen Blick über Bangkok hast. Aber nur beim Händewaschen, nicht von den Pissoirs aus. Da sollen sich die Herren darauf konzentrieren, die Schüssel zu treffen. Was vielen schon ohne Panoramablick über Großstädte Schwierigkeiten bereitet.

Anschließend wollten die beiden noch einen Markt besuchen. Weil ihnen die 40 Minuten Wartezeit auf ein Bolt zu lang war, gingen sie unter Mithilfe von Google Maps zu Fuß. Was sich als mittelmäßig gute Idee entpuppte, denn plötzlich fanden sie sich in einem Armenviertel wieder, mit improvisierten, selbstgebauten Hütten und Zelten direkt an Bahngleisen. Wo die Menschen nicht so freundlich schauten wie die Verkäufer*innen in den Einkaufsstraßen, die Essen, Getränke und Andenken verkaufen wollen, sondern vom Leben gezeichnet sind und auf Touristen nicht besonders viel Bock haben.

Das erinnert mich daran, wie ich 2010 beruflich in Moskau war. Dort hatten wir einen Termin in einem Restaurant und fragten die Rezeptionistin unseres Hotels, wie weit das entfernt sei und ob wir da zu Fuß hinlaufen könnten. Die Frau schaute uns an, als ob wir geistesgestört sind, und bestellte wortlos ein Taxi.

Dem Sohn und N. passiert auf ihrem Fußmarsch nichts und sie erreichen ihre Unterkunft wohlbehalten. Meine Frau meint, vielleicht sei das gar nicht so schlecht, in so einer großen Stadt auch mal das wahre Leben zu sehen, abseits der touristischen, instagrammigen Orte. Der Sohn stimmt ihr zu, meint aber trotzdem, man müsse so etwas nicht nochmal machen. (Was wir als Eltern prinzipiell begrüßen.)

22. Februar 2025, Berlin

Während wir geschlafen haben, sind der Sohn und N. weiter nach Koh Samui gereist. Der zweitgrößten Insel Thailands, die mit weißen Stränden, türkisblauem Meer und Schatten spendenden Palmen klischeehaft idyllisch aussieht.

Ihr Flieger startete um 7.12 Uhr (Ortszeit) und wie vernünftige, vorausschauend planende Erwachsene waren sie bereits um kurz nach fünf am Flughafen, damit sie ausreichend Zeit für ein entspanntes Einchecken haben. Dieser Puffer erwies sich als recht hilfreich, denn an der Tafel mit den Abflugzeiten fanden sie ihren Flug nicht. Was daran lag, dass sie am falschen Airport waren. Am internationalen Airport Bangkok-Suvarnabhumi und nicht am Don Mueang für Inlands- und innerasiatische Flüge.

Sie erreichten gerade noch rechtzeitig ihren Flug und schon ein paar Stunden später schickten sie Fotos vom Strand. (Caption „Jetzt sind wir im Paradies“) Auf einem der Bilder liegt der Sohn auf einer Matratze und lässt sich von einer Mitte-50-jährigen Thailänderin massieren. Das muss dieses „Sex, Drugs and Rock ‘n Roll“ der Generation Z sein.

23. Februar 2025, Berlin

Heutiges Tagesprogramm: vormittags laufen, mittags wählen, um 18 Uhr die erste Hochrechnung checken. Anschließend vier Jahre lang keine Nachrichten schauen.


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Eine kleine Wochenschau | KW08/2025: Und dann ist er weg

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


17. Februar 2025, Berlin

Sitze in der Frühe im Wohnzimmer auf dem Sofa mit meinem Kaffee. Gestern Abend ist der Sohn zu seiner zweimonatigen Asienreise aufgebrochen, ging die Treppe runter mit einem Rucksack auf den Schultern, einer gar nicht mal so großen Reisetasche in der Hand und einem Strahlen im Gesicht.

Unten an der Treppe drehte er sich nochmal um und schaute wehmütig zu uns hoch. Aber auch voller Vorfreude auf das Abenteuer, das auf ihn und seinen Freund N. wartet. Mehr als 8.500 Kilometer von zuhause weg, Erlebnisse sammeln, gemeinsame Zeit verbringen, in den Tag hineinleben, spontan entscheiden, was man unternimmt und die unbeschwerte Freiheit genießen. Wahrscheinlich werden die beiden nie wieder so frei und selbstbestimmt sein wie auf dieser Reise.

Ich bin mit 19 auch ins Ausland gegangen. Für ein dreimonatiges Praktikum in einer Kommunalverwaltung nach Daventry, einem kleinen Ort in der Nähe von Northampton. Was von Westerburg aus fast genauso exotisch wie Südostasien war.

Titelbild mit einem schwarzen Skorpion, der auf einem Stock steckt, um verzehrt zu werden.
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