Es ist Samstagabend, kurz nach halb elf. Der Rest der Familie liegt bereits im Bett, ich bin damit beschäftigt, den Weihnachtsbaum abzuschmücken. Eine Tätigkeit, die mich immer ein wenig betrübt, weil damit die besinnliche Zeit endgültig vorbei ist, so dass einen nur noch ein paar angefutterte Pfunde und der zwickende Hosenbund an die Feiertage erinnern. Es ist außerdem eine Tätigkeit, die nicht ganz ungefährlich ist, muss ich doch zum Abhängen des Schmuckes in den oberen Zweigen auf unsere wackelige Klappleiter steigen.
Als ich auf der obersten Sprosse stehe und mich auf einem Bein balancierend in den Baum neige, um das kleine rote Metallvögelchen zu entfernen, das bei uns traditionell auf der Baumspitze sitzt, klopft es plötzlich an die Balkontür. Auf dem Balkon steht eine hochgewachsene hagere Gestalt in dunkler Kutte mit hochgeschlagener Kapuze, die ihr fahles Gesicht zur Hälfte bedeckt. Ich überlege, ob an den Gerüchten über den Serienmörder, der angeblich in Moabit sein Unwesen treiben soll, doch etwas dran ist, als die Gestalt die Kapuze zurückstreift und mich fröhlich anlacht. Es ist mein alter Freund, der Tod.

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel “Nackte Kanone” geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Sein neues Buch “Wenn ich groß bin, werde ich Gott” ist im November erschienen. Ebenfalls mehr als zu empfehlen sind “Hilfe, ich werde Papa! Überlebenstipps für werdende Väter”, “Ein Vater greift zur Flasche. Sagenhaftes aus der Elternzeit” sowie “Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith”*. (*Affiliate-Links)